Voigtländer Bessa

Das Fotografieren war lange Zeit den Berufsfotografen und wenigen sehr betuchten Fotoamateuren vorbehalten, denn Kameras und Fotoplatten waren sehr teuer.

Das änderte sich aber schnell, als der Rollfilm modern wurde. Der Rollfilm war viel billiger, als die schweren und zerbrechlichen Fotoplatten, die Kameras konnten einfacher und billiger sein. Viele Boxkameras für nur wenige Mark wurden gekauft, die Filme wurden in der abgedunkelten Küche entwickelt und mit einem einfachen Kopierrahmen konnte man sich die Bilder selbst herstellen und in sein Fotoalbum kleben. Meist  war die Qualität der Bilder gar nicht gut, aber die Leute hatten trotzdem (vorläufig) ihre Freude daran.

Irgendwann waren es die Leute leid, die grossen und sperrigen Boxkameras mitzutragen und hielten Ausschau nach anderen, leistbaren Kameras – und sie wurden fündig. Viele Fotofirmen begannen, preiswerte Rollfilmkameras zu bauen, auch Voigtländer war von Anfang dabei. Sie hiess kurz und bündig „Rollfilmkamera“. Diese war Voigtländers erster Versuch und war erfolgreich. So begann man mit guten, aber trotzdem sehr preiswerten Kameras, den Markt zu erobern.

Es war im Jahr 1929, als die erste „Bessa“ auf den Markt kam. Voigtländer konnte bei jedem Modell etwas Besonderes bieten und hatte immer die Nase ein wenig vorn. Waren die Konkurrenzmodelle  vorerst nur für die Verwendung des neuen  Rollfilms umkonstruierte Plattenkameras, so bot die Bessa bedeutend mehr: Selbstaufrichtendes Objektiv. Man brauchte das Objektiv nicht mehr aus dem Kameragehäuse herausziehen und verriegeln, sondern das Objektiv sprang sofort nach dem Betätigen eines Knopfes in Aufnahmestellung. Das Objektiv war ein dreilinsiges Voigtar 1:7,7 mit 10,5 cm Brennweite und einem einfachen Gauthier- Verschluss.

Dies reichte aus, um bei gutem Licht tadellose Aufnahmen zustande zu bringen. Die geringe Lichtstärke des Objektivs hatte den Vorteil, dass man es mit  der Entfernungseinstellung nicht so genau nehmen musste. Eine Meterskala konnte entfallen, die Bessa bot stattdessen eine weitere Neuerung, eine Schnappschusseinstellung „Landschaft – Gruppe – Portrait“, was die Bedienung der Kamera enorm erleichterte. Das Beste aber war der Preis, denn diese Bessa war für nur 36.- Reichsmark zu haben. Der Preisunterschied zwischen einer Boxkamera und der schicken und guten Bessa war also gar nicht so gross und man hatte einen „echten“ Fotoapparat. So wurde die Bessa zu einem wahren Renner und war viele Jahre lang Voigtländers Kassenfüller, denn von allen Bessas zusammen wurden bis zum Jahr 1950 nicht weniger als eine Million Exemplare an den Mann gebracht. Immer wieder wurde die Bessa mit modernerer Ausstattung, besseren Verschlüssen, lichtstärkeren Objektiven und mit pfiffigen Neuerungen ausgestattet. So war sie den Konkurrenzmodellen immer ein wenig voraus, ausserdem war sie in verschiedenster Ausstattung zu haben, lackiert oder verchromt, mit einfachem dreilinsigem Objektiv, oder mit dem sehr guten Skopar mit vier Linsen. Eines der Modelle war sogar mit Voigtländers bestem Objektiv, dem Heliar, ausgestattet.

Schon 1930 wurde die Bessa mit einem Selbstauslöser angeboten, damals der letzte Schrei, oder einer anderen pfiffigen Neuheit, einem Fernauslöser, oder Fadenauslöser. Das war nur eine Öse unter dem Auslösehebel, durch die man einen Zwirnsfaden fädelte und am darüber befindlichen  Auslöser festband. Die Bessa wurde auf den Tisch gestellt und wenn man vorsichtig am Zwirnsfaden zog, konnte man so die Kamera auslösen, ohne dass sie umfiel. Voigtländer führte auch den Gehäuseauslöser ein, damals musste man die Kameras in einer Hand (vor dem Bauch) halten, mit gesenktem Blick durch den kleinen Brillantsucher spähen und mit der anderen Hand mit einem Drahtauslöser auslösen. Der neue Gehäuseauslöser befand sich aussen am Laufboden, liess sich herunterklappen und hatte die Form eines Gewehrabzuges. Dies alles und manche andere kleinere Details und der überaus günstige Preis machten die Bessa fast konkurrenzlos. 1950 wurde die Bessa von der Bessa I abgelöst, die dann bis ca. 1955 bei ständig fallenden Verkaufszahlen angeboten wurde. Jetzt hatte sich das Kleinbildformat endgültig durchgsetzt.

Die in jüngster Zeit in kleinen Stückzahlen von Cosina, dem derzeitigen Eigentümer des Markennamens Voigtländer angebotenen Kleinbild- Bessas haben mit den „klassischen“ Bessas nichts gemein.



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